Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.

Mt: 11.28

Maria - sie erwog alles in ihrem Herzen

P. Otto Weber CMF

 

So ist es formuliert in der neuen Einheitsübersetzung. Was könnte „im Herzen erwägen“ für uns bedeuten? Ich betrachte es als besondere Art des Betens. In einem Buch des Benediktiners David Steindl-Rast fand ich Gedanken, die mir diesen Satz im Lukas-Evangelium in neuem

Licht erscheinen ließen. Steindl-Rast unterscheidet zwischen Gebete und Gebet.

 

Das Wort Jesu an seine Jünger, „allezeit zu beten und darin nicht nachzulassen“ (Lukas 18,1) und die

Aufforderung des Apostels Paulus: „Betet ohne Unterlass“ (2 Tessalonicher 5,17), kann ja nicht

heißen, ununterbrochen Gebete zu verrichten.

Es geht um das Gebet als Grundhaltung: „Gebet ist eine Grundhaltung, die allem Beten

zugrunde liegt. Es ist die Dankbarkeit, das Herz allen Betens“ (Steindl-Rast).

 

Das Magnificat lässt erahnen, dass Maria aus dieser Grundhaltung gelebt hat und daraus alles

im Herzen erwogen hat. Ein Einstieg in diese Lebenseinstellung ist das Staunen. Maria staunt

über das wundervolle Wirken Gottes: „Großes hat der Herr an mir getan.“

 

Wir können daraus lernen. Wer staunen kann über die Wunder in der Schöpfung Gottes, über

seine Menschwerdung, über das ganze Leben und den Lebenseinsatz Jesu für uns, staunen

kann über Menschen, die seine Liebe ins Leben ihrer Mitmenschen hingebungsvoll übersetzen,

ja auch staunen kann über die Errungenschaften der Technik, der Medizin und der Wissenschaften, wird nichts im Leben als selbstverständlich einfach so hinnehmen, sondern täglich neu Gründe finden, dankbar zu sein.

 

Joseph Eichendorff hat gedichtet: Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort. Und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort. Dankbarkeit ist solch ein „Zauberwort“. Es ist das Erwägen allen Geschehens im Herzen: Leben als Gebet.

 

Eine Anregung dazu: Bei einem Krankenhausaufenthalt konnte ich diese Sichtweise in schlaflosen Stunden in den Nächten neu vertiefen. Ich wanderte gleichsam durch das Gotteslob und habe dabei im Stillen gesungen. Besonders die Lob- und Danklieder, die Lieder des Vertrauens, Lieder, die Jesus und Maria zugedacht sind, kamen da in mir zum Klingen. In allem der Grundton der Dankbarkeit, der dann auch tagsüber dominierend blieb – ohne zu „beten ohne Unterlass“.

 

Auch Situationen im Alltag können so zum Gebet werden: unter der erfrischenden Dusche, beim Musizieren und Hören von Musik, bei einem Spaziergang, bei einer Autofahrt, in einem

Wartezimmer, selbst bei der Hausarbeit: „Gott ist auch zwischen den Kochtöpfen“ (Theresia von

Avila).

 

Wenn in diesem Sinn Leben zum Gebet wird, dann werden auch ausgesprochene Gebete intensiver, im Gottesdienst, im gemeinsamen und persönlichen Beten. Lassen wir uns von Maria, die alles in ihrem Herzen erwog, anleiten, unser Leben glaubend,

hoffend, liebend und dankbar in unserem Herzen zu erwägen.